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Die Stellarie

Thiwelfaria 2

Das Gesicht von Liebe und Tod
Thiwelfaria Band II

Die Stellarie


Der Winter beherrschte den nördlichen Wald. Die Stellarie liebten die Kälte, das Eis, den Schnee. Nur dort fühlten sie sich zuhause. Einst war die Vastasteppe auch von Schnee und Eis bedeckt gewesen. Damals hatte man das Land Perlvenia genannt. Die kühle Schönheit. Nirgendwo strahlte das Licht der Sonne heller. Nirgendwo war die Luft reiner. So hatte man das Land beschrieben. Doch nun nicht mehr. Heißer Sand überzog die Ebenen. Die Luft war reines Gift. Nichts war mehr übrig von der einstigen Schönheit. Das Land war hässlich geworden, wie die Kreatur, die es sein Eigen nannte.
Henry hatte sich schon früh auf den Weg gemacht. Als Laura wach wurde, war er bereits weg. Etwas schwerfällig stieg sie aus dem Bett und begann sich fertig zu machen. Sie zog sich warm an, und packte noch mindestens drei Schichten Kleidung in ihren Beutel. Laura mochte die Kälte nicht. Seit sie Memorias Hüterin war, noch weniger als vorher. In ihrem Kopf ging sie noch einmal alles durch, um sicher zu sein, dass sie nichts vergessen hatte und machte sich schließlich auf den Weg zu ihrer Schwester. Memoria lief dabei in Gestalt eines Feuerwolfes neben ihr her. Er begann augenblicklich zu knurren, als er die Wasserstrahlen sah, die sich in Lillys Zimmer hin und her schlängelten.
„Was machst du denn da?“
Lilly fuhr erschrocken herum. Im selben Moment fielen die Wasserstrahlen in sich zusammen und landeten mit einem lauten Platschen auf dem Boden.
„Oh Mist“, sagte sie mürrisch, „Merla wird mich umbringen.“ Sie ließ die Pfützen wieder zurück ins Waschbecken gleiten, wobei die Möbel, die sich bereits mit Wasser vollgesogen hatten, wohl oder übel so bleiben mussten.
„Ach was“, Laura schmunzelte, „das trocknet bevor sie es mitkriegt. Warum musst du auch immerzu mit deinen Fähigkeiten herum spielen?“
„Ganz einfach“, Lilly schnappte ihren Beutel und trat auf den Flur hinaus, „weil es unglaublich cool ist.“
Laura verdrehte die Augen. „Komm, die anderen warten bestimmt schon auf uns.“
„Wartet!“
Die beiden Schwestern drehten sich um und sahen Nell und Alin auf sich zukommen. Sie hatten beide einen kleinen Beutel umgehängt und waren vom Blütenkopf bis zu den Wurzelfüßen in warme Kleidung eingewickelt.
Laura hob eine Augenbraue. „Was soll denn das werden?“
„Na, wir kommen mit ist doch klar. Versucht ja nicht uns daran zu hindern.“ Mit diesen Worten zogen die zwei Glimmis an ihnen vorbei und hielten auf den Ausgang zu.
„Tja“, meinte Lilly schmunzelnd, „wer kann da schon ,Nein´ sagen?“
Laura schüttelte den Kopf. „Sie sollten nicht mitkommen. Es könnte gefährlich werden.“
„Ach bitte, Schwesterherz, sie sind alt genug. Sie können auf sich selbst aufpassen.“
„Eben nicht! Du kennst sie nicht so gut wie …“
„Scht!“, fiel Lilly ihr ins Wort, „hör auf rumzumeckern und komm. Du sagtest doch wir seien spät dran.“
Verdutzt blickte Laura ihrer Schwester hinterher und folgte ihr schließlich, leise vor sich hin schimpfend. Ihre Freunde warteten bereits auf sie, auf dem nördlichen Plateau. Tom war auch da, jedoch nur um sich zu verabschieden. Er hatte Seivoss zugesagt, ihn bei der Suche nach Selana zu unterstützen.
Es dauerte nicht lange und man hörte den leisen Motor, des riesigen Pusteblumensamens, der sie zum Nordwald bringen würde. Marion brachte das große Ding vor ihnen zum Stehen und öffnete die Rampe, über die man in die Gondel gelangte. Laura seufzte schwer und fügte sich ihrem Schicksal. Ob es ihr gefiel oder nicht, es war die schnellste und unkomplizierteste Art zu reisen. Sie umarmte ihren Vater zum Abschied und betrat den fliegenden Albtraum.
Lilly setzte sich neben ihre Schwester und legte einen Arm um sie. „Keine Bange. Sollten wir abstürzen, löse ich uns einfach in Wasser auf.“
„Das soll mich jetzt beruhigen oder wie?“, meinte Laura gepresst, als sie abhoben. Die Glimmis stellten sich auf ihre Stühle, um aus den Fenstern sehen zu können. „Oh ist das aufregend!“ Beide sahen aus wie kleine Kinder am Weihnachtsabend.
Laura schloss die Augen und versuchte an etwas Erfreuliches zu denken. Das gleichmäßige Summen des Motors hatte zur Folge, dass sie irgendwann einschlief, und somit die ganze Fahrt verpasste. Kurz bevor sie ankamen, weckte Lilly ihre Schwester, indem sie ihr die Nase zuhielt.
Laura richtete sich ruckartig auf. „Was ist los? Sind wir schon da?“ Sie blinzelte benommen und sah die Belustigung in den Gesichtern ihrer Freunde. Wie in Zeitlupe drehte sie sich zu ihrer Schwester um. „War das wirklich nötig?“
„Ja, war es.“ Lilly grinste breit und deutete aus dem Fenster. „Sieh nur.“
Von außerhalb drang grelles, bläuliches Licht in die Gondel, weshalb Laura einige Mühe hatte etwas zu erkennen. Feine Eiskristalle hatten sich auf den Fensterscheiben gebildet, was die Sache nicht gerade einfacher machte. Laura richtete sich auf, kniff die Augen zusammen und betrachtete die Landschaft, die sich unter ihnen erstreckte. „Wow.“
Durch einen Schleier aus glitzerndem Schneestaub hindurch, konnte sie große Nadelbäume sehen, die in einen dicken, weißen Mantel gehüllt waren. Wie viele Pflanzen in Thiwelfaria, waren auch diese Bäume ungewöhnlich hoch. Das Sonnenlicht wurde von Schnee und Eis, bläulich reflektiert, was den kühlen aber schönen Eindruck, noch verstärkte. Trotz der beeindruckenden Aussicht, fühlte sich Laura etwas unwohl.
„Mir wird jetzt schon ganz kalt, wenn ich daran denke, dass wir da raus müssen.“ Wehmütig warf Laura einen Blick zurück. In der Ferne konnte man die Umrisse der goldenen Stadt erkennen und das warme Licht, das sie umgab.
„Du trägst mindestens zehn Schichten Kleidung.“ Chris betrachtete Laura mit hochgezogenen Augenbrauen. „Dass dir kalt wird, ist eher unwahrscheinlich.“
Er sah betrübt an sich hinunter, und dann aus dem Fenster. Das eine oder andere Kleidungsstück mehr, hätte ihm bestimmt auch nicht geschadet.
„Ich hab dir doch gesagt du sollst mehr anziehen. Aber du wolltest ja wiedermal nicht auf mich hören, Sturkopf.“ Raoul lächelte schadenfroh und erntete dafür einen bitterbösen Blick. „Du wärst die perfekte Mutter. Eine hässliche zwar, aber immerhin.“
„Hört auf ihr zwei.“ Laura schüttelte den Kopf. „Ihr benehmt euch wie ein altes Ehepaar.“
Sie warf Henry einen amüsierten Blick zu. Der verdrehte die Augen und erhob sich. „Wir sind da.“
Die Gondel ruckelte ganz ordentlich, als Marion versuchte auf dem Boden aufzusetzen. Mit den Landungen hatte der kleine Tepi schon immer seine Probleme gehabt, doch diesmal war es ganz besonders übel. Seine Passagiere wurden ordentlich durcheinandergeschüttelt, bis das Vehikel schließlich unversehrt zum Stehen kam.
Lilly streckte erleichtert die Hände in die Höhe. „Wir leben noch!“
„Ja, gerade noch so“, hörte man Nell´s gedämpfte Stimme. Sie und Alin hatten es, so leicht wie sie waren, schwer gehabt, die Balance zu halten und so endete ihre Reise unter den Bänken, bedeckt von unzähligen Proviantsäcken.
Alin schnaubte bei dem Versuch sich rauszuwinden. „Es wäre nett, wenn uns jemand helfen könnte, sofern es nicht allzu viele Umstände macht!“ Mit jedem Wort klang sie hysterischer.
Laura seufzte und wandte sich an Lilly. „Hab ich´s dir nicht gesagt. Ausgesprochen blöde Idee.“
Lilly grinste über beide Ohren. „Ach was. So wird uns zumindest nicht langweilig.“
Raoul half den zwei Glimmidamen sich aufzurichten und verteilte anschließend die Proviantbeutel. Einer nach dem anderen, traten sie ins Freie und betrachteten staunend die Landschaft. Sie war von oben schon schön gewesen, doch aus unmittelbarer Nähe, wirkte alles noch viel eindrucksvoller. Bei dem Anblick war sogar die kalte Luft einigermaßen gut zu ertragen.
Wo man auch hinsah, glitzerte es. Kleine Eistropfen hingen an Fäden, wie Girlanden von den Ästen der umstehenden Bäume, und bewegten sich sanft im Wind. Im Sonnenlicht funkelten sie wie tausend Diamanten. Immer wenn sie sich berührten, konnte man ein angenehmes, leises Klirren hören. Es klang fast wie Musik. Feiner Schneestaub löste sich von den Bäumen und wurde wild umher gewirbelt. Wo man auch hinsah, alles war weiß.
Sie würden durch knietiefen Schnee waten müssen. Bei dem Gedanken wurde Chris abermals mulmig. Er war sich nicht sicher, ob seine Stiefel das aushalten würden. Hätte er doch bloß auf Raoul gehört.
Henry verabschiedete sich von Marion, bevor der sich in die Lüfte erhob und sein Gefährt Richtung Amuna steuerte.
„Er wird uns heute Abend wieder hier abholen“, erklärte Henry und marschierte los, „wir sollten uns also beeilen.“

Das Vorankommen stellte sich, wie erwartet, als äußerst schwierig heraus. Sie waren langsam und schwitzen, trotz der Kälte, weil es sehr anstrengend war, durch den tiefen Schnee zu stapfen.
Nell war so klein, dass sie immer wieder bis über beide Ohren im Schnee versank, weshalb Henry sie irgendwann schnappte, und auf seiner Schulter absetzte. Mit einem breiten Grinsen sah die Glimmidame auf ihre Freundin hinunter. Alin war groß genug, um ohne Probleme selbst zu laufen, was ihr deutlich missfiel. Henry führte seine Gefährten an Bäumen und Felsen vorbei, die auf den ersten Blick allesamt gleich aussahen, wirkte dabei jedoch sicher und zielorientiert.
„Woher weißt du eigentlich so genau, wo wir hinmüssen?“, wollte Laura von ihm wissen.
Henry sah sich um. „Ich war schon mehrere Male hier, vor Jahren“, er senkte den Blick und zögerte bevor er fortfuhr, „mit einem guten Freund.“
„Kenne ich ihn?“, fragte sie vorsichtig nach.
„Das war bestimmt Calvin, oder?“, warf Nell munter ein. „Wo ist er eigentlich? Ich würde ihn nur zu gerne mal wiedersehen. “
Laura bemerkte, wie Henry sich versteifte. Sie musterte ihn besorgt. „Du hast mir noch nie von ihm erzählt.“
Nell sah auf Laura hinab, als hätte sie nicht alle Tassen im Schrank. „Aber du kennst … waaa!“
Sie wurde von Lilly am Kragen gepackt und auf Raouls Schulter platziert. „Hier übernimm du sie mal, für eine Weile.“
„Was soll denn das?“ Die Glimmidame war verständlicherweise irritiert.
Lilly schenkte ihrer Schwester, die ebenfalls verwirrt aussah, ein breites Lächeln. Sie versuchte die Lippen nicht zu bewegen, während sie Nell zuflüsterte: „Lass es gut sein. Ich erkläre es dir später.“
Laura runzelte die Stirn und wandte sich wieder an Henry. „Ist denn etwas zwischen euch vorgefallen? Der Gedanke an ihn, scheint dir Sorgen zu bereiten.“
Henry versuchte so unbekümmert wie möglich zu klingen. „Nein. Ich habe ihn nur schon lange nicht mehr gesehen.“
„Das ist sehr schade.“ Laura blickte nachdenklich nach vorne. „Vermisst du ihn?“, wollte sie schließlich von ihm wissen.
Henry atmete tief durch und nickte. „Ja. Jeden Tag.“
„Weißt du denn, wo er sich …“
„Laura, hör auf!“, unterbrach er sie barsch. Als er sich seiner Reaktion bewusst wurde, betrachtete er sie voller bedauern. „Es tut mir leid, ich wollte nicht …“
„Nein, ist schon gut. Wenn du nicht darüber sprechen willst, akzeptiere ich das natürlich.“ Laura versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber es war unschwer zu erkennen, dass er sie mit seinem Verhalten verletzt hatte.
Henry wandte sich ab. „Kommt jetzt, wir sind bald da.“
Er führte sie an großen Eiskristallen vorbei, die überall aus dem Boden wuchsen, bis hin zu einem kleinen gefrorenen Fluss. Die Gefährten folgten dessen Verlauf und gelangten zu einer Felswand mit einem Wasserfall, der ebenfalls gefroren war. Das Eis, das den Fluss bedeckte, war so dick, dass sie ohne Probleme darauf laufen konnten. Zwar nicht allzu schnell, aufgrund der hohen Rutschgefahr, aber am Ende kam jeder unversehrt am Wasserfall an. Sie bewunderten die eisige Wand, die sich aus dem herabfließenden Wasser gebildet hatte.
„Was jetzt?“, wollte Chris von Henry wissen, da der weitere Weg, nicht auf den ersten Blick zu erkennen war.
„Es gibt einen Tunnel, gleich hinter dem Wasserfall. Wir haben diesen Tunnel zwar nie betreten, aber der Palast der Stellarie soll sich laut den Aufzeichnungen direkt dahinter befinden.“
Lilly hielt ihr Gesicht ganz nahe an einen der herabhängenden Eiszapfen. „Seht nur, da sind kleine Fische drin.“
Tatsächlich war das Wasser in der Mitte nicht völlig zugefroren, und somit tummelte sich darin allerlei Getier, dem die Kälte offensichtlich nichts anhaben konnte. Unter anderem winzige bunte Fische und Krebse. Sie hätten eigentlich fehl am Platz wirken müssen, passten jedoch wunderbar zum Gesamtbild.
„Oh, wie schön.“ Alin berührte vorsichtig das Eis, woraufhin die Fische erschrocken nach oben schwammen.
„Lasst uns weitergehen, ich frier mir gleich einen ab.“ Bevor Raoul etwas sagen konnte, hob Chris warnend den Zeigefinger.
„Nun gut, Lilly. Du bist dran.“
Lilly sah Henry verdutzt an. „Was meinst du?
„Na, du musst für uns den Weg frei machen. Oder wie sollen wir deiner Meinung nach, auf die andere Seite des Wasserfalls gelangen?“
Tatsächlich gab es keine Möglichkeit, sich an den dichten Eissäulen vorbeizustehlen.
„Aber es ist gefroren, ich weiß nicht, ob das funktioniert.“
„Dann lass es uns rausfinden.“
„Okay, ich versuch´s.“ Sie konzentrierte sich auf das Eis und siehe da, es verflüssigte sich. Wie ein Vorhang, teilte sich das Wasser in zwei Hälften. Lilly ließ die dabei entstandenen Wasserstrahlen, über ihren Köpfen, große Kreise ziehen und achtete darauf, dass keine Fische verloren gingen. „So, rein mit euch.“
Laura gab Alin einen Schups, die das Spektakel mit offenem Mund verfolgt hatte, und keine Anstalten machte, loszugehen. „Ganz ehrlich Laura, Lillys Fähigkeiten sind viel cooler als deine.“
Laura verdrehte die Augen. „Ja, schon klar. Aber weißt du was?“
„Was denn?“
„Memoria sorgt dafür, dass mir nicht kalt wird. Wenn du wüsstest, wie angenehm warm es unter meiner Jacke ist. Einfach herrlich.“
Alin gab einen empörten Laut von sich. „Wie gemein.“
„Und egoistisch“, murrte Chris.
„Was denn? Ich bin kein Sockenwärmer.“ Laura verzog ihre Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. „Ich könnte deine Füße in Flammen aufgehen lassen, wenn du möchtest, aber das war´s dann auch schon. Hättest du dich wärmer angezogen, wie Raoul es gesagt hat …“
Raoul musste sich das Lachen verkneifen, als Chris verärgert an ihm vorbeizog und Henrys Verfolgung aufnahm.
Lilly ließ die Wasserstrahlen langsam sinken, und noch bevor sie sich auf dem Fluss verteilen konnten, waren sie wieder gefroren. Sie hakte sich bei ihrer Schwester ein, und gemeinsam folgten sie den anderen.
In der Höhle war es, wie erwartet, sehr dunkel. Die Gefährten hatten sich auf alle Eventualitäten vorbereitet und somit auch Lauras Taschenlampe dabei, die trotz der vielen Strapazen, immer noch funktionierte. Laura wollte kein Feuer benutzen, da sie damit womöglich die schönen Eisskulpturen an den Höhlenwänden zerstört hätte. Zu ihrer Erleichterung, war es nicht nötig, da das Licht der Taschenlampe völlig ausreichte, um ihnen den Weg zu leuchten. Der Boden war sehr rutschig, weshalb sie wieder nur langsam vorankamen. Dennoch konnten sie schon nach kurzer Zeit vor sich ein bläuliches Licht erkennen. Der Ausgang war nicht mehr weit entfernt.
Nervös nahm Laura die Hand ihrer Schwester. „Was denkst du wird uns da draußen erwarten?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich habe ein gutes Gefühl.“ Lilly lächelte. „Ich glaube, dass die Stellarie uns helfen können.“
„Hm“, Laura runzelte leicht die Stirn, „wir werden sehen.“

Was sich vor ihnen bot, als die Freunde die Höhle verließen, übertraf all ihre Vorstellungskraft.
Ihre Blicke richteten sich zuallererst nach oben.
Es war, als wären sie in einer Schneekugel gefangen. Eine riesige Kuppel aus Eis umschloss die gesamte Landschaft, so, als hätte sie jemand einfach darüber gestülpt. Man konnte weder hinein, noch hinaus. Nur das Licht der Sonne stahl sich durch die klare, beinahe durchsichtige Barriere, die offenbar als Schutz vor Eindringlingen diente.
„Warum haben wir die Kuppel von außerhalb nicht sehen können? Sie ist so hoch, da hätte sie uns doch eigentlich auffallen müssen“, wollte Laura erstaunt wissen.
„Das Reich der Stellarie wird durch einen Zauber geschützt. Von außerhalb kann man es weder sehen, noch betreten. Mit einer Ausnahme: die Höhle, aus der wir gerade gekommen sind.“ Man konnte Henry deutlich anhören, dass er, trotz dem er sich sehr gut über die Stellarie informiert hatte, auf diesen Anblick nicht gefasst war.
„Kommt, gehen wir weiter“, meinte er schließlich.
Die Gefährten begannen ihren Weg fortzusetzen. Ein Pfad führte sie geradewegs auf das Herzstück des Reiches zu, den Palast der Stellarie. Dabei kamen sie an Wiesen mit gefrorenen Blumen vorbei, die trotz der Frosthülle in allen Farben blühten, Flüsse, die unter ihrer dicken Eisschicht voller Leben waren. Auch sonderbare Tiere kreuzten ihren Weg. Nell quiekte entzückt, als sich ein Schmetterling, der aussah als sei er aus Glas, auf ihre Nase setzte. Neugierig wie sie war, berührte sie ihn mit ihren blättrigen Fingern. Im selben Moment löste er sich auf. Zurück blieb eine Art weißer Rauch, der sich langsam von ihnen entfernte. Nachdem er etwas Abstand gewonnen hatte, bündelte sich der Rauch wieder, wurde erneut zum Schmetterling und flatterte davon. Es war eigenartig, dass sich die Tiere so fließend bewegen konnten, schließlich hätte das aufgrund ihrer eisähnlichen Beschaffenheit doch eigentlich gar nicht möglich sein dürfen. Um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, fehlte ihnen jedoch die Zeit.
Nachdem sie ein kleines Waldstück durchquert hatten, erreichten die Freunde ihr eigentliches Ziel. Ein breiter Weg führte direkt zum Palast, der kein Palast im eigentlichen Sinne war. Es waren vielmehr gigantische Eiszapfen, die leicht schräg aus dem Boden wuchsen und sich zu einem kegelförmigen Gebilde vereinigten. Gläserne Treppen mit wunderschön gearbeiteten Geländern verbanden die eisigen Türme miteinander. Durch die reichlichen, filigranen Verzierungen, die man fand, wo immer man auch hinsah, verlor der Palast das Glatte und Ausladende, das ihm auf den ersten Blick anhaftete und zurück blieb ein unvergleichliches Bild.
Als sie den Weg betraten, war den Freunden etwas mulmig zumute. Sie hatten noch keinen einzigen der Stellarie gesehen, und auch sonst niemanden. Es war allgemein sehr ruhig geworden, seit sie den Schutz des Waldes verlassen hatten. Mit jedem Schritt wurden sie nervöser.
„Wo sind sie denn nun?“ Chris warf wachsame Blicke nach allen Seiten.
„Vermutlich warten sie im Palast auf uns“, erwiderte Raoul.
„Ja, aber das absolut niemand zu sehen ist, ist schon sehr sonderbar. Das gefällt mir nicht.“
„Mir auch nicht“, stimmte Nell zu und versteckte ihr Gesicht zur Hälfte in ihrem Schal.
„Aaah!“ Mit einem Satz war Alin hinter Chris verschwunden. „Seht nur, da tut sich was.“
Und tatsächlich. Das große Eingangstor des Palastes begann sich zu öffnen.
Lilly schnappte sich Lauras Hand und drückte fest zu. „Okay, ich muss zugeben, ich hab grad ein bisschen Angst.“
„Ach wirklich? Die hab ich schon, seit wir den Tunnel verlassen haben.“
Ein kühler Wind wehte ihnen entgegen, und begann den Schnee unter ihren Füßen aufzuwirbeln. Es fühlte sich seltsam an. Geflüster drang an ihre Ohren, als würde es vom Wind vor sich hergetragen, und es wurde mit jedem Mal lauter.
„Kommt zu uns.“ Die Stimmen kamen von allen Seiten, doch niemand war zu sehen.
„Kommt zu uns“, ertönte es erneut.
Die Freunde wollten sich in Bewegung setzen, doch außer Laura und Lilly, kam keiner weiter. Irgendetwas hinderte die anderen daran. Sie konnten zwar zurück, aber vorwärts kamen sie nicht, so sehr sie es auch versuchten.
„Was soll der Blödsinn?“, rief Chris aufgebracht und versuchte dabei seinen Fuß anzuheben.
„Nur die Hüter.“ Das Geflüster war leiser geworden, dennoch klang es nicht weniger bestimmt. „Nur sie haben das Recht unseren Palast zu betreten.“
Die zwei Schwestern warfen sich verunsicherte Blicke zu.
„Laura, ihr müsst nicht gehen, wenn ihr nicht wollt.“ Henry versuchte gegen die unsichtbare Barriere anzukämpfen, gab dann aber auf und machte einen Schritt zurück. „Wir können genauso gut umkehren.“
„Ich befürchte es ist zu spät, um jetzt noch umzukehren“, antwortete Laura betrübt. „Was
wenn sie uns wirklich helfen können? Wenn wir es nicht wagen, wird uns die Ungewissheit darüber, auf ewig verfolgen. Uns bleibt keine Wahl.“
Henry sah nicht gerade begeistert aus, nickte jedoch: „Gut, dann geht. Aber bitte, passt auf euch auf.“
Laura lächelte ihn wehmütig an. „Tun wir das nicht immer?“
„Du lässt sie also einfach gehen?“, wollte Chris empört wissen.
„Chris, es liegt nicht an ihm das zu entscheiden, an keinem von euch“, Lilly sah ihre Freunde der Reihe nach an. „Die Aufgabe ist für uns bestimmt.“
„Ihr solltet zurück zum Tunnel gehen und dort auf uns warten“, schlug Laura vor.
Chris funkelte sie zornig an. „Den Teufel werden wir tun!“
„Wir bleiben hier“, stimmt Raoul Chris zu.
„Ja, und wie!“ Alin und Nell nickten eifrig und verschränkten ihre Blätter vor der Brust.
„Gut.“ Laura lächelte und wandte sich ab. Sie nahm ihre Schwester bei der Hand und atmete tief durch. „Bereit?“
„Ja, bereit.“ Gemeinsam marschierten sie auf das Eingangstor zu.  

„Hast du auch das Gefühl, dass es mit jedem Schritt kälter wird?“, wollte Laura von Lilly wissen, als sie das Tor erreichten.
Lilly nickte. Es war tatsächlich kälter geworden. Es schmerzte beinahe die eisige Luft einzuatmen.
Laura zog einen Handschuh aus und ließ in ihrer Handfläche eine Flamme entstehen, doch noch bevor diese etwas von ihrer Hitze abgeben konnte, erlosch sie wieder.
„Hey!“ Laura versuchte es erneut, doch ein leichter Windstoß reichte aus, um das Feuer abermals im Keim zu ersticken.
„Ich nehme an, sie wollen nicht, dass du ihre Wände zum Schmelzen bringst“, schlussfolgerte Lilly, mit einem verzerrten Grinsen auf dem Gesicht.
„Ja, scheint so.“
Sie passierten den Eingang und kamen direkt in eine große Halle. Die Sonne drang durch die Eiswände und tauchte den Eingangsbereich in ein warmes, goldenes Licht.
„Na, das nenn´ ich doch mal eine schöne Abwechslung.“
Tatsächlich schien durch das Licht, die Kälte nicht mehr ganz so unangenehm.
Trotz allem wirkte die Halle nicht gerade einladend. Keine Möbel, gar nichts, sie war vollkommen leer und verlassen. Einzig mit filigranen Mustern verzierte Treppen schlängelten sich von der Mitte aus nach oben und schienen kein Ende zu nehmen. Es war so ein heilloses Durcheinander, dass man gar nicht sehen konnte, wo sie hinführten.
„Prima, und wie geht’s jetzt weiter?“
„Hier entlang, kommt“, erklang das Flüstern erneut.
Ein leichter Windhauch wirbelte etwas Pulverschnee auf und trug ihn vor sich her. Die Schwestern folgten ihm, bis hin zu einem der Treppenaufgänge. Sie blieben dabei stets wachsam und warfen immer mal wieder Blicke nach allen Seiten.
Wie befürchtet, galt es die Stufen zu erklimmen, was sich als äußerst schwierig herausstellte, da sie sehr rutschig waren. Dennoch erreichten die beiden irgendwann das Ende der Treppe und somit auch ein weiteres Tor. Als sie direkt davor standen, begann es sich zu öffnen.
Laura nahm Lillys Hand in ihre. „Ein kleiner Mutmacher könnte jetzt echt nicht schaden.“
Obwohl sie selbst vollkommen angespannt war, verdrehte Lilly die Augen. „Also was dich und Gevatter Alkohol betrifft, über eure Beziehung müssen wir uns dringend unterhalten, wenn wir wieder zuhause sind.“
„Meine Güte, ich wollte lediglich die Stimmung ein wenig auflockern.“
„Aha. Nun, das ist dir aber nicht gelungen.“
Vorsichtig betraten die beiden den Raum, oder vielmehr den Saal, der auf den ersten Blick genauso leer war, wie die Halle. Erst bei genauerem Hinsehen, entdeckten sie am anderen Ende das Saales einen Thron. Irgendjemand, oder besser gesagt irgendetwas, saß darauf.
Die Gestalt erhob sich, als die beiden Schwestern begannen auf sie zuzugehen. Genau wie die unzähligen Tiere, außerhalb des Palastes, wirkte auch dieses Wesen, als bestünde es gänzlich aus Eis. Es war groß, viel größer als ein Mensch, und hatte Flügel, die so lang waren, dass sie den Boden berührten. Sie sahen zerbrechlich aus, so als wären sie aus hauchdünnem Glas, das bei der kleinsten Berührung in tausend Teile zerspringen würde. Das Wesen trug keine Kleider. Stattdessen umspielte feiner pulvriger Schnee, mithilfe von Wind seinen Körper.
„Wir haben auf euch gewartet“, ertönten die Stimmen erneut, von allen Seiten. Sie waren mal laut, mal wieder leise. Männer und auch Frauenstimmen, die allesamt jedoch, aus nur einem Mund kamen. Es war der Stellarie vor ihnen, der für sein Volk sprach.
„Viel musstet ihr erdulden, seid ihr euch dazu entschlossen habt, eure Bestimmung anzunehmen. Doch seid euch gewiss, dass das erst der Anfang war.“
Der Stellarie durchbohrte Laura und Lilly mit seinem eisigen Blick. Beide wanden sich innerlich, wagten es jedoch nicht, sich zu rühren.
„Fürchtet euch nicht. Von uns habt ihr nichts Böses zu erwarten. Wut gärt in unseren Herzen, doch richtet sich unser Groll nicht gegen euch. Vielmehr hegen wir die Hoffnung, dass ihr uns von unserer Pein erlösen werdet.“
Lilly warf Laura einen unsicheren Blick zu, bevor sie sich an den Stellarie wandte: „Wie? Sagt uns wie wir euch helfen können. Wenn wir nur wüssten, was zu tun ist, wir würden nicht zögern.“
„Du bist tapfer, Mutaras Hüterin, und im Gegensatz zu deiner Schwester, hast du dein Schicksal bereitwillig angenommen, ohne es infrage zu stellen. Du bist eins mit deiner Gabe, und daher bereits viel stärker als deine Schwester es je sein wird, wenn sie nicht aufhört ihre Fähigkeiten als Bürde zu betrachten.“
Laura zuckte innerlich zusammen.
„Sag uns, Mutaras Hüterin, wärst du bereit dein Leben zu geben, wenn es nur so möglich wäre, deine Bestimmung zu erfüllen?“
„Ja, das wäre ich.“
Lillys Antwort kam so schnell, und sie klang so entschlossen dabei, dass Laura sie für einen Moment nur ungläubig anstarren konnte.
„Und was ist mit dir, Memorias Hüterin?“
Lauras Augen leuchteten rot auf, als sie ihren Blick auf den Stellarie richtete. Nachdem sie sich wieder gefangen hatte, spürte sie eine unglaubliche Wut in sich. Lillys Antwort kam praktisch, wie aus der Pistole geschossen, so als wäre es nur eine Kleinigkeit, ein geringer Preis. Ganz offenbar hatte sich ihre Schwester schon früher Gedanken darüber gemacht, es jedoch nicht für nötig gehalten, mit ihr darüber zu sprechen. Was dabei herausgekommen war, schmeckte Laura gar nicht.
„Ich bin weder eine Närrin, noch eine Heldin, wobei in meinen Augen beides dasselbe ist. Die Erfüllung meiner Bestimmung, wie ihr es nennt, wäre für mich niemals Grund genug, mein Leben zu opfern. Dennoch würde ich es tun. Allerdings nur dann, wenn es keinen anderen Weg gäbe, um die zu beschützen, die ich liebe.“
Lilly warf einen nervösen Blick auf den Stellarie. Seine Augen waren vollkommen weiß geworden. Es sah aus, als würde in ihnen ein Sturm toben.
„Der Tod umgibt dich, Memorias Hüterin. Wir können es spüren. Noch ehe dein Ende kommt, wird er sich dir auf die eine oder andere Weise zeigen, und es gibt keine Möglichkeit dem zu entgehen.“
Der Stellarie trat ganz dicht an Laura heran und musterte sie von oben herab. Die Stimmen hatten etwas Bedrohliches und das Gesagte verfehlte seine Wirkung nicht. Ein unangenehmer Schauer lief Laura den Rücken hinab. Sie fühlte sich wie gelähmt und wusste nicht was sie sagen sollte.
„Was soll das heißen?“, fragte Lilly an ihrer statt, nicht weniger beunruhigt.
„Es ist an euch, das selbst herauszufinden. Zuviel Wissen, würde euer Handeln nicht nur positiv beeinflussen, im schlimmsten Fall könnte es sogar dazu führen, dass ihr scheitert. Oftmals müssen schlimme Dinge geschehen, damit man umso stärker daraus hervorgehen kann.“
Lilly legte ihre Hand auf Lauras Schulter. Sie atmete tief durch und meinte schließlich: „Sagt uns, was wir tun sollen.“
„Findet Agror und seinen Hüter. Tut euch zusammen und fordert Exorsus zurück. Khorus hat mit dem Stein schon viel zu viel Schaden angerichtet. Er muss unbedingt aufgehalten werden. Zusammen mit Agrors Hüter wärt ihr dazu in der Lage. Seine Kräfte sind für den Kampf viel bedeutender als eure. Die Gabe, mit bloßem Gedanken Leben zu geben und zu nehmen, ist die mächtigste aller Waffen.“
Lilly seufzte. „Aber wir wissen nicht mal, wo wir mit der Suche beginnen sollen.“
Die Augen des Stellarie hatten wieder ein helles Blau angenommen. „Vielleicht hilft es euch, zu erfahren, dass Agror bereits mit seinem Hüter vereint ist.“
„Was?“ Laura runzelte die Stirn. „Der Hüter ist also bereits im Besitz seiner Kräfte? Warum hat man ihn dann noch nicht gefunden? So jemand fällt doch auf.“
„Sie sind zwar vereint, aber nicht so, wie es sein sollte. Ein Hüter und sein zugehöriges Bruchstück verbinden sich nur dann endgültig, wenn die Empfindung, durch die die Macht des Bruchstückes freigesetzt wird, bei seinem Hüter auf dem Höhepunkt ist. In Agrors Fall ist es Liebe. Angst hingegen setzt die Kräfte von Exorsus frei. Seine wahren Kräfte, viel mächtiger, als die die Khorus heraufbeschwören kann.“
„Was heißt, aber nicht so, wie es sein sollte? Es gibt also schon eine Verbindung zwischen den beiden?“
„Ja, die gibt es.“
„Was ist das für eine Verbindung?“
„Das wissen wir nicht.“
„Tatsächlich?“, schnaubte Laura ungläubig. „Ist es nicht eher so, dass ihr es uns nicht sagen wollt?“
Lilly hätte ihrer Schwester am liebsten einen Klapps auf den Hinterkopf gegeben.
„Dass sie bereits vereint sind, wissen wir erst seitdem ihr hier seid.“ Der Stellarie streckte einen Finger nach Laura aus. „Seitdem du hier bist.“ Er berührte sie dort, wo ihr Herz ruhte.
Trotz der vielen Kleidung konnte Laura die eisige Kälte spüren. Es schmerzte so sehr, dass sie am liebsten geschrien hätte. Das Atmen fiel ihr plötzlich unglaublich schwer.
„Hör auf, bitte!“, flehte Lilly, als sie sah, wie ihre Schwester verzweifelt nach Luft rang.
Der Stellarie ließ von ihr ab. Noch bevor Laura auf die Knie fallen konnte, hatte Lilly ihre Arme um sie geschlungen und hielt sie fest.
„Was meint ihr damit?“, kam es schließlich krächzend aus Lauras Mund.
„Wir spüren es ganz deutlich, du, Memorias Hütern, bist bereits mit Agror und auch seinem Hüter in Berührung gekommen.“
„Was?“ Die Schwestern starrten den Stellarie ungläubig an. „Wann?
„Das können wir nicht beantworten, selbst wenn wir es wollten. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir sagen, es ist nicht geschehen.“
„Was heißt das jetzt wieder?“, fragte Laura ungeduldig, nachdem die Stimmen für eine Weile vollkommen verstummt waren. Dem Ausdruck auf seinem Gesicht nach zu urteilen, schien der Stellarie selbst nicht zu wissen, was das bedeutete.
„Es tut uns leid, wir können es nicht erklären. Vorrangig sollte daher die Frage sein, wie wir euch bei eurer Aufgabe helfen können.“
Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich damit zufriedenzugeben. Lilly nahm nervös Lauras Hand. „Wie? Sagt es uns.“
Der Stellarie sah die zwei eindringlich an. „Zwischen euch besteht eine tiefe Verbundenheit, die wir in einer so ausgeprägten Form, bisher nur selten sahen. Dennoch seid ihr nicht in der Lage eure Kräfte zu vereinen.“
Die beiden Schwestern warfen sich verunsicherte Blicke zu.
„Gebt euch dafür nicht die Schuld. Zu verschieden sind die Elemente, die euch dienen. Dass sie sich abstoßen ist nur natürlich. Doch eure besondere Bindung ermöglicht es uns, mit der Macht, die wir besitzen, diese Barriere zu überwinden. Somit können eure Elemente miteinander verschmelzen.
Khorus hat zwar einen Weg gefunden, sich und seine Kreaturen mithilfe von dunkler Magie gegen Feuer zu schützen. Doch Regen, der brühend heiß vom Himmel fällt, oder Dampf, der über sie hinwegfegt und ihnen dabei das Fleisch von den Knochen schmilzt, dagegen sind sie nicht gefeit. Vereint eure Kräfte und ihr werdet hunderte von seinen Kreaturen auf einen Schlag vernichten können. Erklärt euch bereit dieses Geschenk anzunehmen, und es wird euch zuteil.“
„Wird es denn irgendwelche Konsequenzen haben, wenn wir es annehmen?“, wollte Lilly wissen, obwohl sie offensichtlich mehr als bereit dazu war.
„Es ist keine Kleinigkeit, die Barriere zwischen euren Elementen verschwinden zu lassen. Magie in solch hohem Ausmaß fordert immer ihren Preis.“
„Und was genau soll das heißen? Was ist das für ein Preis?“, wollte Laura argwöhnisch wissen.
„Das betrifft euch nicht und hat euch daher nicht zu interessieren.“
Nach einem kurzen Moment des Schweigens sahen sich die beiden Schwestern an und nickten. „Nun gut. Wir sind bereit.“
Sie hatten die Worte gerade erst ausgesprochen, da begann der Boden unter ihren Füßen zu vibrieren. Die Wände knackten und große Teile lösten sich. Es waren keine gewöhnlichen Eisbrocken, wie es auf den ersten Blick den Anschein hatte, sondern Stellarie. Immer deutlicher hoben sie sich von den Wänden ab. Männliche, wie auch weibliche, die sich im Äußeren kaum von dem ersten unterschieden. Es dauerte nicht lange, und die zwei Schwestern waren umzingelt.
„Habt keine Angst.“
Der erste Stellarie streckte die Hände nach ihnen aus. Nach einem kurzen Moment des Zögerns, legten Laura und Lilly ihren in seine. Als ihre Handflächen, die des Stellarie berührten war es, als würden die beiden von Innen heraus zu Eis erstarren. Doch das Gefühl hielt nicht lange an. Ein Schneesturm begann um sie herum zu toben. Die Schneeflocken wurden durch den Wind so hart gegen ihre Gesichter gepeitscht, dass sie kaum etwas sehen konnten. Ihre Hände begannen höllisch zu brennen. Und dann, mit einem Mal, war alles vorüber. Der Wind hatte sich gelegt und nur noch ein paar lose Schneeflocken trieben langsam umher.
„Es ist getan.“
Lilly betrachtete mit zusammengebissenen Zähnen ihren rechten Handrücken. „Autsch.“ Darauf war ein Symbol eingebrannt, das ihr sehr wohl bekannt war. Es handelte sich um Mutaras Zeichen.
Sie sah zu Laura hinüber, die im Gegensatz zu ihr, ein Symbol auf dem linken Handrücken trug. Das Zeichen von Memoria.
„Wenn ihr euch an den Händen nehmt, auf denen die Symbole eingebrannt sind, wird Energie freigesetzt, die es euch ermöglicht, eure Kräfte zu einen.“ Während die Stellarie sprachen, bildeten sich Risse auf ihren Gesichtern.
„Was geschieht mit euch?“ Lauras Augen waren vor Entsetzen geweitet.
„Wir sagten doch, dass Magie in diesem Ausmaß immer ihren Preis hat.“
Die beiden Schwestern wichen erschrocken zurück, als kleine Teile von den eisigen Körpern absplitterten.
„Nutzt unser Geschenk weise und erfüllt eure Bestimmung.“
„Hätten wir das gewusst“, rief Lilly, um das laute Klirren und Knacken, des brechenden Eises zu übertönen, „hätten wir das Geschenk nie angenommen!“
„Es ist nur ein geringes Opfer, für eine Sache, die viel größer ist als wir alle. Grämt euch nicht. Luft ist unser Element. Wir brauchen keine feste Form, um zu existieren. Nun geht.“
„Wir können euch nicht genug danken!“ Laura hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie so forsch gewesen war. „Wir werden euch nicht enttäuschen!“
„Das wissen wir, ansonsten hätten wir euch diese Fähigkeit nicht gegeben.“ Ein Splitter sprang vom Gesicht des Stellarie ab und erwischte Laura an der Wange. Er hinterließ einen kleinen  Schnitt.
Laura blickte nach oben, als sie über sich ein lautes Knacken hörte. „Lilly, pass auf!“
Sie packte ihre Schwester am Arm und zog sie an sich. Gerade noch rechtzeitig, denn bereits im nächsten Augenblick, löste sich ein großer Eisbrocken von der Decke und zerschellte genau da, wo Lilly gestanden hatte. „Komm! Wir müssen sofort hier raus!“
Während sie hinter Laura herrannte, drehte sich Lilly noch einmal zu den Stellarie um. Ihre Körper waren beinahe zur Gänze zerbrochen.
Eissplitter platzten aus den Wänden und trafen die Schwestern wie Geschosse. Sie hielten sich schützend die Arme vors Gesicht und versuchten den Splittern so gut es ging auszuweichen. Kurz bevor sie den Ausgang des Saales erreichten, brach erneut ein großes Stück Eis aus der Decke und blockierte den Weg. Laura bemerkte es nicht und wäre geradewegs dagegen gerannt, hätte Lilly die Eisbarriere nicht zu Wasser werden lassen. Sie packte ihre Schwester am Arm und ließ ihre beiden Körper damit verschmelzen.
Im selben Moment fiel das Wasser in sich zusammen. Es schoss durch den Ausgang und durchbrach das dünne Treppengeländer dahinter. Ungebremst stürzte der Wasserstrahl in die Tiefe. Erst als sie auf dem Boden der Eingangshalle aufkamen, nahmen die Schwestern wieder feste Gestalt an, wobei sie durch die Wucht sehr unsanft aufprallten. Lilly hielt sich stöhnend den Kopf.
„Komm, wir müssen weiter!“ Laura zerrte sie auf die Beine und rannte mit ihr durch das Schlosstor nach draußen. „Los Lilly, schneller!“
Sie hatten das Freie erreicht, liefen jedoch weiter, so schnell sie ihre Füße tragen konnten. Der Lärm, des in sich zusammenfallenden Schlosses war ohrenbetäubend. Ihre Kräfte hatten sie beinahe verlassen, als die beiden endlich ihre Freunde erreichten. „Los! Lauft!“
Entsetzt hatten diese das Schauspiel beobachtet, setzten sich jedoch umgehend mit Laura und Lilly in Bewegung. Sie blieben erst stehen, als sie weit genug vom Schloss entfernt waren.
Keuchend ließen sie sich in den Schnee fallen. Durch das schnelle Einatmen der kalten Luft brannten ihre Lungen höllisch. Laura ließ um sie herum kleine Feuerstellen entstehen, um es zumindest ein wenig erträglicher zu machen. Erschöpft drehte sie sich auf den Rücken.
„Bitte sagt, dass sich unsere Mühen gelohnt haben“, meinte Nell gedämpft, da ihr Oberkörper tief im Schnee steckte. Alin schnappte ihre Glimmfreundin bei den Füßen und zog sie raus.
„Ja, haben sie“, antwortete Laura und drehte sich um, um zu sehen wo Lilly steckte.
Raoul kniete neben ihrer Schwester und tastete ihren Kopf ab.
„Was ist?“ Laura kroch zu ihnen und betrachtete besorgt Lillys Gesicht.
„Sie hat eine ziemliche Beule am Hinterkopf.“
„Ach, das ist halb so wild. Ich hab einen harten Schädel“, behauptete Lilly gepresst.
„Einen Dickschädel meinst du wohl eher.“ Chris hatte sich ebenfalls neben ihnen niedergelassen und lächelte.
Laura spürte wie Henry eine Hand auf ihre Schulter legte. „Wir müssen aufbrechen. Denkst du, du schaffst es Lilly?“
„Ja, wie ich schon sagte“, mit Raouls und Chris Hilfe gelang es ihr aufzustehen, „es ist halb so wild, wirklich.“
Da es schon sehr spät war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf Lillys Aussage zu vertrauen. Bevor sie sich auf den Rückweg machten, wandten die Freunde sich noch einmal der Stelle zu, an der das Schloss gestanden hatte. Es waren bloß Trümmer aus Eis übrig geblieben, so schien es zumindest auf den ersten Blick. Wenn man jedoch genauer hinsah, konnte man die Umrisse des Schlosses erkennen, ganz leicht nur, so, als bestünde es aus Luft, aber es war zweifellos immer noch da. Wie die Stellarie, hatte das Bauwerk lediglich seine feste Form verloren. Erleichtert wandten sich die Gefährten ab.

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