Neues Projekt 2

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Henry

Textauszüge

Henry



Als die davor postierten Wachen begannen, sich merkwürdige Blicke zuzuwerfen, nahm sie all ihren Mut zusammen und ging hinein. Henry saß da, den Kopf in die Hände gestützt und blickte nachdenklich ins Leere.
»Henry?«
Erschrocken sprang er auf und fuhr zu ihr herum. »Meine Güte, Laura!«
»Entschuldige bitte«, sie biss sich auf die Unterlippe, »ich wollte dich nicht erschrecken.«
Er schüttelte abwesend den Kopf. »Schon gut.«
»Was machst du hier?« wollte er nach einem kurzen Moment des Schweigens wissen.
»Naja.« Sie kratzte sich verlegen am Nacken. »Ich bin grad zufällig hier vorbeigekommen und da dachte ich, ich schau mal kurz rein.«
»Ich verstehe.« Henry zog argwöhnisch die Augenbrauen zusammen. »Nun denn, wo du zufällig hier bist, möchtest du dich vielleicht setzen?«
»Ja, gern.« Laura nahm lächelnd auf dem Sessel Platz, den er ihr hinstellte. »Es ist ziemlich gemütlich hier, für ein Zelt meine ich.«
Henry folgte ihrem Blick, der von den Stühlen über den Tisch weiter zu den Kommoden und dann zum Bett glitt. Er schmunzelte. »Nun es hat nicht nur Nachteile, ein König zu sein. Da fällt mir ein, ich habe etwas für dich. Eigentlich wollte ich es dir erst morgen zeigen, aber wenn du schon mal hier bist.«
Er ging zu einem Ständer, auf dem eine Rüstung hing. Laura hatte sie beim Betreten des Zeltes schon bemerkt.
Es handelte sich um eine Lamellenrüstung aus gebläutem Stahl und Leder. Sie bestand aus Rücken und Brustschutz, sowie zwei Schulterstücken. An den Seiten und zwischen Schultern und Brust, waren Riemen befestigt, die es einem ermöglichten die Größe der Rüstung anzupassen. Neben der Rüstung auf einem Tisch ausgebreitet, lagen Handschuhe, Stiefel, Arm und Beinschützer und ein Helm. Ein Umhang war auch dabei. Er war dunkelgrün und trug an einem der unteren Enden ein kleines Siegel. Es zeigte die aus Goldfäden gestickten Umrisse einer Stadt.
»Das ist das Wappen der goldenen Stadt.« Er lächelte. »Da du nun mehr oder weniger zu Amunas Soldaten gehörst, fand ich, du solltest auch eine Rüstung haben. Sie ist zwar nicht neu, bietet aber durchaus Schutz.«
Laura trat an den Tisch heran und nahm einen der Armschützer in die Hand. »Und du glaubst, dass ich da rein passe?«
»Das werden wir gleich sehen.« Mit Henrys Hilfe schaffte sie es, einen Teil nach dem anderen anzulegen.
»Und wie sehe ich aus?«, meinte sie grinsend, nachdem alles saß, wo es hingehörte.
Henry schauderte übertrieben. »Wirklich angsteinflößend. Es würde mich nicht wundern, wenn der Feind schon bei deinem bloßen Anblick die Flucht ergreifen würde.«
Laura stieß hörbar die Luft aus: »Ja, schön wär´s.«
Plötzlich war die lockere Stimmung dahin. »Laura, du musst das nicht tun.«
Sie senkte betrübt den Blick. »Doch ich muss, und ich werde.«
Als sie wieder aufsah, war Henry ihr ein ganz schönes Stück näher gekommen.
Sie schluckte. »Aber das bedeutet nicht, dass ich keine Angst habe.«
Ungelenk begann sie die Bänder der Rüstung zu öffnen.
»Warte, ich helfe dir.« Es dauerte nicht lange und die Rüstung hing wieder an ihrem Platz.
»Ich sollte jetzt besser gehen.« Laura war bereits auf halbem Weg aus dem Zelt raus, als Henry sie am Arm festhielt.
»Warum bist du hergekommen, Laura?«
Sie drehte sich zu ihm um und antwortete wahrheitsgemäß: »Ich weiß es nicht.«
Nicht in der Lage, ihm in die Augen zu sehen, blickte sie auf ihre Schuhspitzen. »Wie ich schon sagte, ich habe schreckliche Angst. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt, ich meine, vielleicht überlebe ich den morgigen Tag gar nicht.« Sie schüttelte den Kopf.
»Vielleicht bin ich deshalb hier. Weil ich nach einem Ort gesucht habe, an dem ich mich sicher fühlen kann. Und sei es nur für kurze Zeit.« Sie schloss die Augen. »Ja, ich vermute, deswegen bin ich hier.«
Henry hob ihr Kinn an.
Als sie ihn ansah, lächelte er. »Du bist deiner Mutter so unglaublich ähnlich, weißt du das?
Nicht nur dein Aussehen und deine Art, auch deine Stimme.«
Sanft legte er die Hände an ihre Wangen. »Früher hat sie uns oft Geschichten aus eurer Welt erzählt, und ich liebte es ihr zuzuhören.«
Laura wurde plötzlich ganz warm ums Herz. Sie konnte nicht anders, sie musste sein Lächeln erwidern.
»Wenn du nichts dagegen hast«, meinte er fast verlegen, »würde ich gern noch ein bisschen mehr hören.«
Und plötzlich strahlte sie übers ganze Gesicht. »Nein, ich habe ganz und gar nichts dagegen.«
Laura setzte sich im Schneidersitz auf das Bett, während Henry neben ihr auf dem Boden Platz nahm. Die Beine ausgestreckt, den Rücken an das Bettgestell gelehnt, lauschte er ihren Erzählungen.


Suchen
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü