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Vergangenheit und Gegenwart

Thiwelfaria 2

Das Gesicht von Liebe und Tod
Thiwelfaria Band II

Vergangenheit und Gegenwart


Als Laura am Morgen aufwachte, stellte sie erleichtert fest, dass es ihr schon besser ging, was vermutlich daran lag, dass sie sehr gut geschlafen hatte. Es konnte gerademal früher Abend gewesen sein, als sie in Henrys Armen eingeschlafen war und nun stahlen sich bereits die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster.
Laura legte den Kopf in den Nacken und grübelte vor sich hin. Die Ereignisse vom Vortag ließen ihr keine Ruhe und sie war mehr als erpicht darauf noch einmal mit Calvin zu sprechen. Was auch immer nötig war, sie würde ihn schon noch dazu bringen, ihr alles zu erzählen.
Doch zuvor wollte sie Henry sehen. Er würde bald aufbrechen und für eine ganze Weile fort sein, folglich wollte Laura noch etwas Zeit mit ihm verbringen, sofern es denn ging.
Hastig stand sie auf, in der Absicht sich frisch zu machen, hielt dabei jedoch irritiert inne.
Laura hatte bei der Eile die Decke, und somit auch das Buch mit ihren Erinnerungen, vom Bett gerissen.
Die Seiten öffneten sich, als das Buch auf dem Boden aufkam und obwohl es unter der Decke versteckt lag, wusste Laura sofort, womit sie es zu tun hatte.
Sie konnte das Buch spüren, jetzt da es geöffnet war, wusste jedoch nicht, dass die Erinnerungen, die darin verborgen lagen, ihre eigenen waren.
Vorsichtig zog Laura die Decke weg und runzelte die Stirn.
„Wie kommst du hier her?“, fragte sie sich laut und hob es auf.
Im selben Moment war es, als würden sich tausend Nadeln in ihren Kopf bohren. Lauras Hände zitterten, während sich das Buch allmählich in Luft auflöste.
Wie in Trance setzte sie sich auf das Bett und blickte ins Leere. Sie verharrte so, saß da wie gelähmt, während das warme Licht der Sonne allmählich hinter einer Wand aus Wolken verschwand. In ihrem Zimmer war es mit einem mal dunkel und kalt geworden.
Laura fröstelte.
Was hatte sie nur getan? Ihre Gedanken drehten sich so wild im Kreis, dass ihr schwindelig wurde und mit einem Mal war auch die Übelkeit wieder da.
Nicht mehr in der Lage es zurückzuhalten, hastete Laura ins Bad und übergab sich mehrmals.
Sie war körperlich wie emotional an einem vollkommenen Tiefpunkt angelangt. Noch nie in ihrem Leben, hatte sie sich so elend gefühlt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit trat sie mit wackligen Beinen ans Waschbecken, um einen Schluck Wasser zu trinken.
Dabei fiel ihr Blick auf den Spiegel.
Da war es wieder, dieses leere, ausdruckslose Gesicht, von dem sie gehofft hatte, es nie wieder sehen zu müssen.
Allmählich verwandelte es sich und wurde zu einer verzerrten Fratze.
Laura biss die Zähne zusammen. „Nein, ich will nicht mehr so sein“, sagte sie voller Verachtung zu ihrem Spiegelbild. „Es ist vorbei, ich habe mich verändert. Ich bin glücklich und du wirst mir das nicht wieder wegnehmen!“
Laura ballte ihre Hand zur Faust und schmetterte sie mit aller Kraft gegen den Spiegel. Durch die Wucht zersprang das Glas in tausend Stücke.
Klirrend stoben die Teile auseinander, wobei einer der Splitter sich in Lauras Handgelenk bohrte.
Geistesabwesend zog Laura den Splitter heraus, was ein Fehler war, da sofort Blut aus der Wunde floss. Anstatt etwas dagegen zu unternehmen, stand sie nur da und sah zu wie es auf den Fliesenboden tropfte.
„Laura!“ Chris kam ins Bad gestürmt und riss entsetzt die Augen auf. Er eilte zu ihr und schnappte sich ein Handtuch. Mit zitternden Händen drückte er das Tuch gegen die Wunde und suchte mit den Augen nach etwas, mit dem er dauerhaft Druck darauf ausüben konnte.
„Es tut mir leid“, murmelte Laura kaum hörbar.
„Schon gut.“ Chris fand schließlich etwas Brauchbares und machte daraus mit Hilfe seines Oberteils einen provisorischen Druckverband.
Nachdem das geschafft war, führte er Laura vorsichtig aus dem Bad und setzte sich mit ihr aufs Bett.
Laura brauchte eine Weile, um wieder zu sich zu finden. Chris wartete geduldig, während sie einfach nur da saß und sich abwesend das Handgelenk rieb.
„Keine Sorge, es ist bald verheilt“, sagte sie schließlich und wirkte dabei wieder einigermaßen gefasst.
Chris legte einen Arm um sie und zog sie an sich. „Ich weiß.“
Er räusperte sich. „Du erinnerst dich wieder?“
„Ja.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich schäme mich so sehr, für das was ich getan habe. Anstatt mich meinen Problemen zu stellen, habe ich den einfachsten Weg gewählt und damit ein schreckliches Chaos verursacht.“
Einen kurzen Moment schwieg Laura, weil es ihr schwerfiel zuzugeben, was ihr dabei am meisten zu schaffen machte. „Allerdings kann ich deswegen keine Reue empfinden, was mich am Ende nur noch mehr beschämt.“
Die Tränen brachen sich Bahn. „Chris, ich bin wirklich glücklich gewesen.
Chris nickte. „Aus diesem Grund habe ich es auch geschehen lassen, obwohl ich es anfangs, im Gegensatz zu den anderen, nicht dulden wollte.“
Laura lächelte und schluchzte zugleich. „Ich weiß, ich hätte von dir auch nichts anderes erwartet.“
„Sag mir eins“, meinte er schließlich, „was hindert dich daran auch weiterhin glücklich zu sein? Die Vergangenheit hat sich verändert, ja, aber die Gegenwart ist doch immer noch dieselbe. Du hast einen Mann, der dich von ganzem Herzen liebt und den du ebenfalls liebst. Oder empfindest du für Henry plötzlich nicht mehr dasselbe?“
Laura warf Chris einen empörten Blick zu. „Doch, natürlich tue ich das!“
Chris lächelte. „Siehst du. Und du hast Freunde, eine wunderbare Schwester und nicht zuletzt Angel, die mittlerweile fast wie eine Tochter für dich ist. Du hast alles was du brauchst, um glücklich zu sein.“
„Du hast recht“, Laura senkte den Blick und betrachtete ihre Hände, „im Grunde hat sich nichts geändert.“
Chris zog sie noch fester an sich und küsste ihre Schläfe. „Nimm dir ein wenig Zeit. Ich werde Henry sagen, dass er warten soll.“
„Brechen sie etwa schon auf?“, fragte Laura bestürzt.
„So gut wie“, Chris bedachte sie mit einem wehmütigen Blick, „allerdings würde er, im Gegensatz zu manch anderen, niemals gehen, ohne sich zu verabschieden.“
Laura lächelte. „Ja, ich weiß.“
Chris erhob sich und warf ihr über den Rücken einen besorgten Blick zu.
„Ich kann dich doch alleine lassen, oder?“
„Ja, keine Angst“, sagte sie und stand ebenfalls auf. „Es geht mir gut. Ich war auf so etwas nur nicht vorbereitet.“
Als er sich dennoch nicht vom Fleck bewegte, rollte Laura mit den Augen. „Jetzt geh schon.“
„Geh!“ befahl sie schließlich und warf ihm einen Schuh hinterher.
Als sie sich sicher sein konnte, dass Chris nicht zurückkommen würde, zog Laura sich um.
Auch wenn es nicht leicht war, sich wieder an alles zu erinnern, so hatte es dennoch etwas Gutes. Die Zeit der Geheimnistuerei, war endlich vorüber. Und nach den letzten Wochen, fiel es ihr außerdem nicht mehr so schwer mit den Bildern der vergangenen Ereignisse umzugehen.
Es schmerzte nicht mehr, wenn sie an die Zeit mit Calvin zurückdachte. Laura war traurig, ja und verwirrt wegen der Flut an Emotionen, die sie so unvorbereitet getroffen hatte, aber am Ende überwog das Glück, das sie empfand, wenn sie an Henry, Lilly, Angel und ihre Freunde dachte.
Vielleicht war es ja doch keine so schlechte Entscheidung gewesen, den einfacheren Weg zu wählen.

„Henry?“ Laura öffnete vorsichtig die Tür zum Hinterzimmer des Wirtshauses. Von Merla wusste sie, dass er sich dorthin zurückgezogen hatte, um noch ein paar Papiere aufzusetzen.
Henry drehte sich zu ihr um, hielt dabei jedoch den Blick auf die Dokumente in seiner Hand gerichtet.
„Laut den neuesten Nachrichten aus Teljos, verläuft die Belagerung wieder zu unseren Gunsten. Allerdings möchte ich mich nicht darauf verlassen. Zusammen mit den Kortarken werden wir Teljos schnell eingenommen haben, danach können wir unseren Blick endgültig nach Norden richten. Was die Stadt anbelangt, so wird sich von nun an mein Verwalter um alles kümmern. Seivoss und seine Männer bleiben hier, um euch bei der Verteidigung der Stadt zu unterstützen. Calvin und Raoul brechen heute Nachmittag auf, um ein paar Informanten aus dem Perlgebirge zu treffen. Ich will, dass du zusammen mit Lilly und Selana die Gegend um den Nachtwald bewachst, während wir weg sind. Es wird sich schnell herumsprechen, dass ein Großteil der Soldaten aus Amuna abgezogen ist, gebt also gut Acht. Wir sind, wenn alles gut geht, in drei Wochen wieder zurück.“
Laura nickte. „Natürlich, verstanden.“
Endlich legte Henry die Papiere zur Seite und sah sie an. Sein Blick fiel auf ihr Handgelenk, das mittlerweile ordentlich verbunden war.
„Wie geht es dir?“
Laura verdeckte den Verband mit ihrer gesunden Hand. „Wieder besser danke, auch was die Übelkeit angeht. War wohl doch das Essen.“
Henry nickte und meinte schließlich: „Du hast deine Erinnerungen also zurück?“
„Ja“, antworte Laura verunsichert, da sie seinen Blick nicht zu deuten vermochte.
„Gut.“
„Henry, ich …“
„Nein“, unterbrach er sie, „zuerst möchte ich dir etwas sagen, und zwar Calvin betreffend.“
Laura sah ihn irritiert an. „Okay.“
„Ich will, dass du weißt, dass er uns gefolgt ist, kurz nachdem wir nach Amuna aufgebrochen sind. Wäre alles nach Plan verlaufen, hätte er nur wenige Tage nach uns die Stadt erreicht, doch als das mit Selana passiert ist, sah er sich gezwungen umzukehren.“
Henry atmete tief durch. „Er wäre deinetwegen zurückgekommen, um dir alles zu erzählen.“
Laura konnte nicht glauben was sie da hörte. „Warum sagst du mir das?“
„Weil wir an einem Punkt angelangt sind, an dem es Zeit wird sich, zu entscheiden. Ich weiß was ich will. Die Frage ist, was willst du? Ich gebe dir hier und jetzt die Möglichkeit das herauszufinden. Calvin liebt dich, ebenso wie ich und ich weiß, dass du immer noch etwas für ihn empfindest.“
Laura wollte protestieren, doch Henry hielt sie mit einer Handbewegung davon ab.
„Wenn du es leugnest, belügst du dich nur selbst. Seit Calvin wieder hier ist, habe ich euch beobachtet. Versteh mich nicht falsch, du hast dir nichts vorzuwerfen. Es ist nur … zwischen euch besteht eine Verbindung, die man deutlich spüren kann, etwas von dem ich fürchte, dass wir es in dieser Form nie haben werden. Ich möchte nur nicht, dass du irgendwann unglücklich bist, weil du das Gefühl hast, in einer Beziehung mit mir gefangen zu sein, während du den Mann, den du tatsächlich willst nicht haben kannst. Darunter würden wir am Ende alle leiden.“
Nachdem Henry verstummt war, fühlte sich Laura eine Weile wie gelähmt.
„Ich …“, sie räusperte sich, „es ist wahr, ich habe Calvin geliebt“, sie runzelte die Stirn, „und zwar mehr, als gut für mich war. Wenn ich daran denke, möchte ich am liebsten im Boden versinken. Ich habe mich aufgeführt wie ein liebestolles Schulmädchen, was dazu geführt hat, dass ich mich am Ende selbst nicht mehr leiden konnte.“
Einmal tief durchatmend trat sie an Henry heran und nahm seine Hände in ihre.
„Die Liebe zu dir hingegen, hat mich zu der Frau werden lassen, die ich jetzt bin. Du hast mich stark gemacht und ich möchte die Leichtigkeit, die ich dabei empfinde, nicht mehr verlieren.
Dass du meine Gefühle für dich in Frage stellst … schockiert mich ehrlich gesagt, aber ich kann es nach allem was passiert ist, auch gut nachvollziehen. Gerade deshalb möchte ich dir, mehr denn je, beweisen wie wichtig du mir bist. Was immer du auch von mir verlangst, ich werde es tun.“
Da Henry offensichtlich nicht wusste, was er sagen sollte, fuhr Laura lächelnd fort: „Du hast  scheinbar nicht die geringste Ahnung, wie glücklich du mich machst.“
Sie legte eine Hand an seine Wange. „Du gibst mir Halt und Sicherheit. Das ist es, was ich will und brauche, etwas, das mir Calvin nie geben könnte. Die Liebe zu dir fühlt sich so richtig an, während die Verbindung zu Calvin, von der du gesprochen hast, mir eher wie eine Last vorkommt. Du hast gesagt, du gibst mir die Möglichkeit mich zu entscheiden. Nun, die Entscheidung ist schon lange gefallen, und zwar schon damals, als ich die Erinnerungen an ihn gelöscht habe, um mit dir zusammen sein zu können.“
Laura atmete nervös ein und aus. „Es tut mir leid, ich wüsste nicht, wie ich es besser …“
Henry erstickte ihre letzten Worte mit einem Kuss. „Das genügt mir“, sagte er mit heiserer Stimme und küsste sie erneut, „das ist alles, was ich hören wollte und mehr als ich zu hoffen gewagt hatte.“
Laura schlug betrübt die Augen nieder. „Ich wünschte nur, du müsstest nicht gehen, nicht jetzt.“
„Ja, das wünschte ich auch“, sagte er und nahm sie fest in den Arm.
Laura lächelte und genoss das Gefühl der Geborgenheit, das sie in seiner Nähe empfand.

Gemeinsam steuerten Laura und Henry das südliche Plateau an, von welchem aus die meisten Soldaten schon mit Luftschiffen ans Ufer gebracht wurden.
Die ganze Stadt hatte sich auf der Plattform versammelt, um die Soldaten und ihren König zu verabschieden. Am Ende war es beinahe Mittag, als das letzte Luftschiff, mit Henry an Bord abhob und die Menge allmählich den Rückzug antrat.
Lilly wusste von Chris was geschehen war und wollte das Gespräch mit ihrer Schwester suchen, doch Laura legte ihr nahe noch etwas Zeit mit Raoul zu verbringen, da dieser ebenfalls bald aufbrechen würde. Die beiden Schwestern hatten danach noch genügend Zeit sich über alles zu unterhalten.
Als Laura Calvin am äußeren Steg stehen sah, bat sie ihren Vater Angel zurück ins Gasthaus zu bringen. Chris begleitete ihn, auf ihre stumme Bitte hin.
Laura wartete noch bis die drei außer Hörweite waren, bevor sie auf Calvin zuging und sich neben ihn stellte. Gemeinsam sahen sie dem Luftschiff hinterher und sagten für eine Weile kein einziges Wort.
„Du erinnerst dich also?“, fragte Calvin schließlich.
„Ja, ich erinnere mich an alles“, antwortete Laura und war selbst überrascht, wie ruhig sie dabei blieb. „Ich weiß außerdem von Henry, dass du vorhattest viel früher zurückzukommen, um mir alles zu erklären.“
„Das hat er dir erzählt?“, wollte Calvin verwundert wissen.
Laura wandte ihm den Kopf zu, sah jedoch nicht zu ihm auf. „Überrascht dich das wirklich?“
„Nein“, gestand Calvin, „er ist ein guter Mann.“
Sie richtete ihren Blick wieder auf das Luftschiff und nickte. „Ja, das ist er in der Tat.“
„Er verdient dich mehr, als jeder andere“, fügte er leise hinzu.
Endlich sah Laura ihn an und empfand, trotz allem was geschehen war, Mitleid mit ihm. Er wirkte niedergeschlagen, wie jemand der verloren hatte und sich seiner Niederlage gerade erst bewusst wurde.
„Ja, das tut er“, meinte sie schließlich.
Calvin betrachtete wehmütig ihr Gesicht. „Manchmal wünschte ich mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen und alles anders machen. Ich wäre nicht gegangen, hätte ich gewusst …“
„Du hattest dafür triftige Gründe, dessen bin ich mir sicher“, unterbrach Laura ihn, „davon abgesehen geht es mir in erster Linie nicht darum, dass du gegangen bist, sondern darum, wie du gegangen bist.“
„Ja, ich weiß“, sagte Calvin betrübt.
„Dir hätte doch klar sein müssen, wie sehr mich das verletzt, nach der Vorgeschichte mit meinen Eltern und meiner Schwester“, meinte sie gepresst.
„Eben das ist der Fehler, den ich gerne rückgängig machen würde. Ich habe zu dem Zeitpunkt nicht darüber nachgedacht. Ich wusste nur, dass ich gehen musste und war mir sicher, dass ich es anders nicht schaffen würde.“
Laura nickte. „Okay, ich nehme an du erwartest jetzt von mir, dass ich dafür Verständnis zeige.“
„Laura …“
„Gehe ich Recht in der Annahme, dass es etwas mit deinem Geheimnis zu tun hatte?“
Calvin zögerte, entschied sich am Ende jedoch für die Wahrheit. „Ja, hatte es.“
Laura sah ihm tief in den Augen und schüttelte, kaum merklich den Kopf. „Ich frage mich, ob dir eigentlich klar war, wie sehr ich dich geliebt habe.“
Sie richtete ihren Blick wieder auf den See. „Ich hätte alles für dich getan, wäre bereit gewesen mich mit jeder noch so bizarren Geschichte auseinanderzusetzen. Wer weiß, vielleicht wäre ich mit deinem Geheimnis sogar besser zurechtgekommen, als du mir zugetraut hättest.“
Calvin schnaubte. „Das bezweifle ich.“
„Wie auch immer, es ist nicht mehr wichtig“, sagte Laura ohne den Groll zu verbergen, der in ihr aufstieg. „Du hast mir damals keine Chance gegeben und jetzt ist es zu spät. Du hast dich gegen uns entschieden, ohne es überhaupt zu versuchen, und uns beiden damit sehr viel Kummer bereitet.“
Als Laura sich Calvin wieder zuwandte, verrauchte ihre Wut mit einem mal. Dass er genauso gelitten hatte wie sie, stand außer Frage. Er tat es immer noch, man konnte es deutlich sehen.
Was er auch zu verbergen hatte, es musste eine unglaubliche Last sein.
Doch Laura war nicht bereit diese Last mitzutragen, nicht mehr.
„Ich habe es überwunden, mithilfe einer sehr fragwürdigen Vorgehensweise, das gebe ich zu. Allerdings glaube ich mittlerweile, dass es der richtige Weg war. Von nun an werde ich die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit mit Freude in meinem Herzen tragen, anstatt mit Trauer und Wut darauf zurückzublicken. Sie ist alles, was von uns übrig ist. Mehr wird in der Form, zwischen uns nicht mehr passieren. Ich will, dass du das akzeptierst und keine Versuche mehr in diese Richtung unternimmst.“
Als Calvin nicht antwortete, fügte Laura vorsichtig hinzu: „Ich hoffe allerdings auch, dass wir irgendwann einen Weg finden werden, wieder normal miteinander umzugehen.“
Calvin schloss die Augen und atmete tief durch.
„Irgendwann werden wir das womöglich, doch nicht in absehbarer Zeit“, sagte er mit rauer Stimme. „Die letzten Wochen waren eine Qual. Mich in deiner Nähe aufzuhalten, in dem Wissen, dass du mit einem anderen zusammen bist, war kaum zu ertragen und ich möchte mich dem nicht länger aussetzen als nötig.“
Laura sah betreten zu Boden. „Ja, das verstehe ich natürlich.“
Eine Zeit lang standen sie schweigend nebeneinander, bis Calvin schließlich einen Schritt zurücktrat. „Ich sollte jetzt besser gehen.“
Laura drehte sich zu ihm um und nickte leicht. „Okay.“ Verstohlen versuchte sie die Tränen wegzublinzeln, die sich in ihren Augen gebildet hatten.
Calvin sah sie an und lächelte, wobei er seinen Kummer nicht überspielen konnte. „Leb wohl, Laura.“
„Leb wohl, Calvin“, flüsterte sie und versuchte sich dabei so gut es ging zusammenzureißen.
Für einen Moment schien es, als würde Calvin sie in seine Arme ziehen, doch stattdessen wandte er sich ab und ging.
Laura blieb allein auf dem Steg zurück. Sie stellte sich ganz dicht an den äußeren Rand und blickte in die Ferne, während die Tränen sich langsam über ihre Wangen stahlen.

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